Erasmus in Wien

Hanna Irabi studiert seit 2002 an der Universität Bielefeld Soziologie. Das Sommersemester 2007 verbrachte sie in Wien, der Stadt der Kaffeehäuser und Jugendstilbauten. Über ihre Wiener Erfahrungen hat sie für duz Studium ein Tagebuch geführt.

 
Der Naschmarkt lädt zum
Bummeln und Probieren
         
 

1. März

Vor einer Woche bin ich in Wien angekommen. Die Stadt erscheint mir riesig und anonym. Eine der häufigsten Fragen, die mir von den anderen Erasmusstudenten gestellt wurde, lautet: „Warum bist du als Deutsche ausgerechnet nach Wien gekommen?“
Für mich liegen die Vorteile auf der Hand: Wer keine Zeit im Studium verlieren möchte bzw. sich ganz auf die Studieninhalte konzentrieren will – ohne dabei von Sprachproblemen abgelenkt zu werden –, der ist im deutschsprachigen Ausland gut aufgehoben. Wobei es gewagt ist, Wien als „deutschsprachig“ zu bezeichnen: In den ersten Tagen und Wochen fiel es mir ziemlich schwer, den österreichischen Dialekt zu verstehen! Nicht nur, dass die Österreicher Meister im Verniedlichen sind, es gibt auch viele österreichische oder Wiener Wörter, die wir im Deutschen nicht kennen. Eine Kostprobe? Jemanden anmachen heißt im Wiener Jargon „anbraten“, etwas toll finden „reinkippen“.

 
Der Burggarten  
 
 
  Das Café Central
Picknick mit anderen Erasmusstudenten im Burggarten
  7. März

Die Tage vergehen wie im Flug, indem wir Erasmusstudenten die Stadt erkunden: den Naschmarkt (Antiquitäten- und Spezialitätenmarkt in einem), das Hundertwasserhaus, die Staatsoper (für zwei Euro schauten wir uns Schwanensee vom Stehplatz aus an), Belvedere und natürlich Schloss Schönbrunn. Die Nächte vergehen auf den Erasmuspartys, die entweder in einem der zahlreichen Studentenwohnheime oder in verschiedenen Clubs in der Stadt stattfinden.
  12. März

Ich treffe mich mit meinem Buddy und wir gehen in eines der wunderschönen Wiener Kaffeehäuser, um uns kennenzulernen und über die Stadt zu plaudern. Jedem Wiener Erasmusstudenten steht ein „Buddy“, also eine Art persönlicher Ansprechpartner zu, der den Neuankömmling vom Flughafen abholt und ihm persönlich die Stadt zeigt.
Neben den Sprachunterschieden fällt mir auf, dass auch die Mentalität der „Ösis“ eine andere ist: Sie sind viel entspannter als die Deutschen (die sie deswegen gern als „Piefke“ beschimpfen, was so viel heißt wie ungeduldiger ungehobelter Mensch, der nicht zu leben weiß) und gehen mit mehr Leichtigkeit an ihr Leben. Ein Beispiel dazu: Wenn der Deutsche sagt „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, sagt der Wiener: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“
 
Die Universität  
 
 
  Fiaker
Der große Lesesaal der
Universitätsbibliothek
  29. März

Nach einem knappen Monat habe ich mich recht gut eingelebt – was nicht zuletzt an den vielen Angeboten des Erasmus-Student-Networks liegt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, ausländischen Studierenden die Eingewöhnung zu erleichtern. Zum Programm gehören zahlreiche Ausflüge im In- und ins benachbarte Ausland (Budapest, Prag, Krakau), wöchentlich stattfindende Partys und gemeinsame Grillabende. Auf einem „Orientations-Seminar“ in der Uni werden wir außerdem über die Nutzung der Bibliothek und die Sportangebote der Uni informiert.
  2. April

Die 1365 gegründete Wiener Universität gleicht mehr einem Museum als einer Bildungseinrichtung: ein stattliches, palastartiges Gebäude im Stil der italienischen Renaissance mit großzügigem Innenhof. Mit ihren Lesesälen, die an die Filmkulisse aus „Die purpurnen Flüsse“ erinnern, steht sie im Kontrast zu den modernen deutschen Unis, denen zum Teil eher Bahnhofshallen-Charakter nachgesagt wird. Entsprechend dem Gebäude ist auch die Atmosphäre unter den Studenten weniger anonym; alle fühlen sich wohl und es herrscht eine offene, freundliche Atmosphäre.
 
Eines der Wahrzeichen Wiens:
das berühmte Riesenrad am Prater
  Gemeinsames Essen mit anderen Erasmusstudenten
 
 
  Das Hundertwasserhaus
  5. April

Die „Alma Mater Rudolphina Vindobonensis“ mag schön sein, besonders praktisch oder gar übersichtlich ist sie nicht: Selbst die österreichischen Studenten haben nach Jahren noch Probleme, sich in ihrem Schilderwirrwarr zurechtzufinden, sodass man nicht selten jemanden trifft, der seit zehn Minuten verzweifelt denselben Raum sucht.
Gravierender ist allerdings, dass viele Studiengänge rettungslos überlaufen sind, sodass man bei Kursen häufig mit einem Platz auf dem Boden Vorlieb nehmen muss. Kein Wunder bei rund 67 000 Studierenden und über 130 Studiengängen. Ungewohnt ist für mich, dass die Kurse ausnahmslos mit Prüfung oder Facharbeit abgeschlossen werden.
  13. April

Wenn man will, kann man die beschriebenen Dinge auf die ganze Stadt beziehen: Wien überrascht an allen Ecken und Enden mit Schönheit, Prunk und Service, dafür ist aber auch vieles teurer als in Deutschland (Lebensmittel, Studentenwohnheim, …). Nicht umsonst wurde Wien vor kurzem von der Economist Intelligence Unit als 12. teuerste Stadt der Welt eingestuft.
 
Der Haupteingang der Uni
 
Kleines Wien-Wörterbuch

In Wien kommt man nicht weit, ohne ein paar Wörter österreichisch zu verstehen:

Angfressen – ganz schlecht
aufgelegt
Anfliegen – provozieren
Das geht sich aus – das passt/
das kriegen wir hin
Haberer – Freund, Genosse
Ins Norrenkostle schauen
verträumt in die Gegend blicken
Kiwara –Polizist
Leiwand – alles Positive
Piefke –Deutscher
Passt! – dient zur Bestätigung
Semmel – Wurstbrot
  15. April

Am meisten überzeugt an meinem bisherigen Aufenthalt, hat mich die Stadt Wien selbst. Es dürfte die wohl altmodischste Metropole der Welt sein – und genau das macht ihren wunderbar märchenhaften Charme aus: Alte Bahnen rattern durch die Stadt, man sieht „Fiaker“ (Kutschen) und viele der Gebäude stammen noch aus Gotik (Stephansdom), Barock (die Karlskirche), Klassizismus oder Jugendstil.
Neben den großzügigen Grünflächen bestimmen Würstlstände und die berühmten Wiener Kaffeehäuser das Stadtbild. Die Tradition besagt, dass ein Gast in einem dieser alten Kaffeehäuser, die typischerweise mit Marmortischen und Kronleuchtern ausgestattet sind, niemals „hinausgebeten“ wird – ganz gleich, wie groß der Andrang auch sein mag oder wie lange der Gast schon an seinem ersten Getränk nippt …
Diese Gelassenheit kennzeichnet die Stadt im Allgemeinen: Trotz ihrer Größe hat sie sich eine beinah südländische Gleichmütigkeit bewahrt.
 

 

 

 
  19. April

Wien ist für mich persönlich perfekt: Ich liebe es, bei sonnigem Wetter ins Grüne zu gehen, auf dem Flohmarkt zu stöbern oder die vielen Cafés auszuprobieren und entspannt Zeitung zu lesen. Das Leben in Wien ist unglaublich bereichernd aufgrund der vielen Möglichkeiten, die die Stadt bietet. Jedem, der auf eine weitere Fremdsprache verzichten kann, keine Zeit im Studium verlieren will, oder es sich einfach richtig gut gehen lassen will, kann ich Wien nur empfehlen.
 
Uni-Gang