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Die Uni ist kein Supermarkt

Eigeninitiative, Ernsthaftigkeit, Leistungsbereitschaft: Das und vieles mehr erwarten Hochschullehrer von ihren Studierenden. Ein Report von Pia Schreiber.

 
ziegler
Prof. Günter M. Ziegler: „Die Tür zu meinem Büro steht immer offen.“
       
 

Wenn man einen Terminplan hat wie Prof. Günter M. Ziegler, dann kann man sich nicht noch um die Belange von Studenten kümmern – könnte man meinen. Aber weit gefehlt: Der Mathematikprofessor an der Technischen Universität Berlin, der ganz nebenbei auch noch Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung ist, nimmt sich die nötige Zeit ganz einfach: „Ich versuche, immer für meine Studenten da zu sein. Die Tür zu meinem Büro steht offen, das habe ich im Studium in den USA so gelernt. Für eine kurze Frage und Antwort ist eigentlich immer Zeit.“

Dieses Jahr hat Günter Ziegler den Communicator-Preis vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen bekommen. Der Preis ist eine der größten Auszeichnungen für publizierende Wissenschaftler in Deutschland. Der Professor möchte ein Vorbild für seine Studenten sein. Er rät ihnen, die Augen offenzuhalten, neugierig zu sein und es vor allem zu bleiben. „Dranbleiben, Gegenwind aushalten, nicht aufgeben. Das ist eine gute, preußische Tugend“, empfiehlt Ziegler. Zudem sei es wichtig, dass man sich nicht ständig mit anderen vergleiche. Schließlich gäbe es immer jemanden, der etwas besser kann als man selbst. Jedem Studienstarter würde Ziegler daher folgenden Rat geben: „Wer nur nach Vorbildern sucht, um sich frustrieren zu lassen, macht etwas falsch. Deine Kombination von Stärken und vermeintlichen Schwächen hat sonst niemand. Entwickle deine eigenen Stärken. Und: Lass dich nicht von zu vielen Ratschlägen irre machen, denn Ratschläge sind auch Schläge. Höre auf andere, aber geh‘ deinen eigenen Weg.“ Außerdem sei es sehr wichtig, sich im Studium „Partner“ zu suchen – sei es zum Lernen oder Ausspannen.

 
       
  „Soziales Networking als moderne
Form der Kontaktpflege wird
in der mobilen und globalisierten
Welt immer wichtiger.“
   
     
 
Schiemann
Prof. Thomas Schiemann: „Es wäre schön, wenn die Studierenden mehr Eigeninitiative ergreifen würden.“

 

 

Das sieht auch Thomas Schiemann so. Der Professor für Technische Informatik und Ingenieurmathematik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg meint, dass jeder Einzelkämpfer mithilfe von anderen Leuten noch besser wäre. Man könne seine Augen und Ohren schließlich nicht überall haben und es gebe immer Dinge, die man nicht versteht. Dann habe man die Möglichkeit, jemanden aus seiner Lerngruppe zu fragen, der es vielleicht besser verstanden hat. „Und Fun und Spaß ist noch zusätzlich dabei“, sagt der Professor lachend. So könne man gemeinsam in die Mensa gehen und im Hörsaal nebeneinandersitzen. Schließlich sei soziales Networking heutzutage das A und O. In einer mobilen und globalisierten Welt würde diese Kontaktpflege immer wichtiger werden, erklärt Schiemann. Aber generell scheint es da bei seinen jetzigen Studenten keinen Grund zur Sorge zu geben. Die meisten von ihnen seien sehr motiviert und engagiert. Insgesamt habe er den Eindruck, dass die Studenten offener und ernsthafter geworden seien, meint Thomas Schiemann. Und dennoch gebe es negative Entwicklungen: „Die Studenten haben alles mögliche andere im Kopf, aber oft nicht die wichtigen Dinge. Sie sind immer vernetzt, haben die Handys ständig an, aber trotzdem wissen sie nicht, was in Vorlesungen passiert ist, in denen sie nicht anwesend waren“, erzählt Schiemann. Er vermisst, dass die Studenten Eigeninitiative ergreifen und sich darum kümmern, versäumten Stoff nachzuholen oder verpasste Informationen im Nachhinein zu recherchieren. Das sei früher anders gewesen. Und woran könnte das liegen? Vielleicht daran, dass heutzutage Information ständig verfügbar sei, ohne dass man sich aktiv darum kümmern müsse, überlegt der Professor.

       
  „Viele Studenten trauen sich nicht,
kritisch nachzufragen. Sie empfinden
das sogar als störend, weil
sie einfach nur schnell durchs
Studium kommen wollen.“
   
       
  Prof. Barbara Witte ist Studiengangsleiterin des Internationalen Studiengangs Fachjournalistik der Hochschule Bremen und wünscht sich, dass sich die Studierenden gegenseitig respektieren. Dinge wie Zuhören und wechselseitige Anerkennung gehören für sie dazu. „Was wir brauchen ist eine gute Lernatmosphäre. Dazu kann jeder etwas beitragen“, meint Witte. Im Allgemeinen begeistert die Professorin die Aufgeschlossenheit ihrer Studenten und dass sie die Welt mit frischen Augen sehen. Daraus würde selbst sie persönlich etwas ziehen, meint die Professorin: „Das ist ja das Tolle am Lehren, dass ich von den Studenten immer wieder mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert werde und mich daher immer wieder selbst überdenken muss und kann.“ Manchmal wünscht sie sich daher, dass die Studenten wieder kritischer werden und mehr hinterfragen. „Die Studenten sind verunsichert. Das kommt von der schlechten ökonomischen Situation, aufgrund der gute Noten immer wichtiger werden“, erklärt Barbara Witte. Ein Dialog auf Augenhöhe sei daher wohl leider eine Illusion, denn schließlich gebe sie als Professorin nachher die Noten und das schüchtere viele Studenten ein.  
Zimmermann
Prof. Barbara Witte: „Ich profitiere davon, wenn die Studierenden aufgeschlossen sind und meiner Sicht etwas entgegensetzen.“
         
 
Zimmermann
Prof. Klaus Zimmermann: „Meine Studenten sollen wissen, dass sie offen und frei mit mir reden können.“
 

Klaus Zimmermann, Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, wünscht sich ein lockeres, antiautoritäres Verhältnis zu seinen Studenten. „Man muss frei miteinander reden können. Die Studenten sollen mich als Freund und nicht als Feind sehen, auch wenn ich irgendwann ihr Prüfer bin.“ Zimmermann hat sogar schon einigen seiner Studenten bei privaten Problemen mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Das gehöre neben der Lehre und Forschung schließlich auch zu seinem Job. Leider fehle ihm für solche Angelegenheiten aber meistens die Zeit.

Pro Tag habe er schließlich bis zu 40 Mail-Eingänge, von Studierenden und Examenskandidaten, von Kollegen aus aller Welt und als Herausgeber einer Zeitschrift. Da komme man mit dem Antworten kaum nach, bedauert Zimmermann. Im Allgemeinen findet der Romanistikprofessor, dass die Identifikation der Studenten mit der Institution Universität erheblich nachgelassen hat. Er wünscht sich, dass sie sich wieder mehr engagieren: „Studierende sollten die Universität nicht als einen Supermarkt sehen, in den man reingehen und etwas mitnehmen kann, sondern sie sollten den Unialltag selbst mitgestalten.“