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Ein starkes Team

Lehrer, Forscher, Mentor, Coach: Das Aufgabenspektrum eines Hochschullehrers ist vielseitig. Doch eines sollte er vor allem sein: der wichtigste Partner und Lotse für seine Studenten. Ein Einblick in den Alltag der Professoren und ihrer Helfer.
Von Andreas Becker

 
         
  AN JEDEM DIENSTAG NACHMITTAG ist bei Hansjörg Neubert Sprechstunde. Er ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin, auch kurz FU genannt. Vor seinem Büro geht es dann oft hektisch zu. Nervöse junge Menschen, aufgereiht sitzend in einer meterlangen Schlange – eine Atmosphäre wie im überfüllten Wartezimmer beim Arzt.
Die Studierenden erwecken den Eindruck als hätten sie Angst. Angst davor, dass sich die Tür plötzlich öffnet und ihnen der Kopf abgerissen wird. Dem Pädagogen Neubert sind die Beklemmungen seiner Studierenden wohlvertraut. „Das Unbehagen hängt sicherlich auch mit der Größe des Titels zusammen. Professoren sind den Studenten relativ fern“, weiß er. Um die unsichtbaren Barrieren abzubauen, setzt Neubert eine fast immer funktionierende Waffe ein: ansteckende Fröhlichkeit und Freundlichkeit.
  LERNEN, SICH SEINES EIGENEN VERSTANDES ZU BEDIENEN
 


Prof.Dr. Hansjörg Neubert, Erziehungswissenschaftler

 

 

„Beide Seiten müssen sich engagieren, damit ein konstruktives Miteinander möglich ist.“

 

Für den seit 30 Jahren an der FU beschäftigten Hochschullehrer besteht der Beruf des Professors aus Forschung, Lehre und Beratung der Studenten. Dass ihm dabei besonders der dritte Punkt am Herzen liegt, daraus macht er keinen Hehl. Deshalb gründete er an der FU auch ein bisher einmaliges Mentorenprogramm, an dem derzeit rund 350 Studenten teilnehmen.

In diesem Programm werden Studienanf änger von höheren Semestern begleitet und persönlich beraten. „Sie lernen dort nicht nur Inhaltliches, sondern auch wie man die Institution Universit übewältigt “, berichtet Professor Neubert. Die Institution Universität wird nach seiner Einschätzung immer undurchschaubarer.„Ich würde sagen, dass Studenten ein Semester brauchen, bis sie sich mit der Hochschule und ihren Strukturen vertraut gemacht haben.“

EINER DER GRÜNDE dafür: die Studierenden sind oft zu sehr auf sich allein gestellt. Seit 1995 ist die Zahl der Professoren an den Hochschulen – bedingt durch drastische Stellenkürzungen – kontinuierlich zurückgegangen. Zurzeit kommen 62 Studierende auf einen Professor, Besserung ist laut der Kultusministerkonferenz in naher Zukunft nicht in Sicht.

FÜR HANSJÖRG NEUBERT ist diese eher unerquickliche Lage geradezu eine Verpflichtung, sich für den Nachwuchs zu engagieren. Allerdings erwartet er auch von den Studierenden, dass sie sich ins Zeug legen und sich nicht einfach berieseln lassen. „Ich verlange eine gewisse theoretische Neugierde, die Bereitschaft, sich ernsthaft mit wissenschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.“

Das Wichtigste sei allerdings die Freude und das Interesse am Lernen. Hochschullehrer und Studenten können – davon ist Neubert 100-prozentig überzeugt – ein verdammt starkes Team sein, wenn sie an einem Strang ziehen und sich aufeinander einlassen.

  Carsten Schlüter hat viele Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten in Ilmenau und Münster gearbeitet. Jetzt gönnt sich der Medien- und Kommunikationswissenschaftler eine Auszeit. Auch er erwartet von Studierenden nichts Außergewöhnliches: nur eigenständiges Denken und Neugierde.

„Ich freue mich jedes Mal darüber, wenn ich merke, dass Studierende ihren eigenen Kopf einsetzen, eigene Ideen entwickeln.“ Das aber – so der Geisteswissenschaftler – sei nicht immer anzutreffen. Für ihn tragen die Strukturen an den Hochschulen mit Schuld daran, wenn den Studierenden in Fließbandmanier Stoff vorgekaut wird, anstatt ihnen die Chance zum Experimentieren und Diskutieren zu geben. „Wissenschaftler sind keine Götter. Man kann sie kritisieren. Man kann neue Dinge ausprobieren.“ Kurzum: die Anleitung zum kritischen und gleichwohl konstruktiven Denken und Handeln – das sollten Hochschullehrer dem Nachwuchs als Erstes mit auf den Weg geben.
  FUNKE DER BEGEISTERUNG ÜBERSPRINGEN LASSEN
 
Prof.Dr. Barbara Krahé, Sozialpsychologin
  Und die Studierenden? Wie können sie die Studienzeit bestmöglich nutzen und das Beste aus ihren Profs und Dozenten herausholen? Auch hierauf hat Carsten Schlüter eine eindeutige Antwort: „Das Studium bietet die große Chance, über den Tellerrand des eigenen Faches hinauszuschauen. Jeder Student, jede Studentin sollte sich im Studium neuen Input holen, sollte lesen, denken und mitmachen. Dazu lädt die Hochschule ein. Die Studierenden sollten dies annehmen und die Uni nicht zu etwas verkommen lassen, wo es allein darum geht, am Ende ein Zertifikat in der Hand zu halten, um einen besseren Job zu ergattern.

Ähnliche Erwartungen an ihre Studenten hat Prof. Dr. Barbara Krahé. Sie hat einen Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität Potsdam inne. „Studenten sollen ihren Part, ihre Rolle als interessierter, lernfähiger junger Mensch übernehmen. Sie sollten schon Zeit in die Überlegung investiert haben, warum sie sich für ihr Studienfach entschieden.“
  BARBARA KRAHÉ sagt das so einfach, weil sie schon vor dem Studium ganz genau wusste, was sie machen wollte. Auch der Weg zur Professur schien vorherbestimmt. Für sie war klar, dass sie nicht irgendwo arbeiten wollte, wo sie ihre Zeit absitzt, wo sie Akten lesen muss, bis endlich fünf Uhr erreicht ist. „An dem Beruf, den ich gewählt habe, hat mich insgesamt die sehr große Selbstbestimmung und Freiheit interessiert, die die Forschungs- und Lehrtätigkeit mit sich bringt.“   „Studenten haben ein Recht darauf, gut behandelt zu werden. Doch auch ich erwarte Respekt von ihnen.“
 


Philip Schmalor,
Architekturstudent und Tutor

  In ihren Lehrveranstaltungen ist sie mit Begeisterung und großem Arbeitseifer dabei. „Studenten können von mir erwarten, dass ich über das Fach, das ich vertrete, in informierter Weise belehre.“ Barbara Krahé hofft, dass so ein Funke ihrer eigenen Wissenschaftsbegeisterung auch auf die Studierenden überspringt. Deshalb ist sie manchmal auch etwas irritiert und verärgert über ihre Zöglinge:

„MICH NERVEN keine zu oft gestellten Fragen. Fragen dürfen und sollen gestellt werden. Desinteresse nervt mich aber. Wenn Studenten zeigen, dass sie im Grunde lieber was anderes machen würden.“ Dazu fällt ihr eine Anekdote ein, die sie mit leicht rollenden Augen und einem gezwungenen Lächeln erzählt: „Es ist schon vorgekommen, dass ich in einer Vorlesung über meine aktuellen Forschungen berichtet habe und plötzlich ein Student fragt, wo denn die Anwesenheitsliste ist. Ich erwiderte ihm, dass es keine gäbe und man aus reinem Interesse hier sei. Da stand er auf und ging.“

Mangelndes Interesse? Fehlender Respekt? Philip Schmalor sind solche Situationen nicht unbekannt, doch er nimmt sie gelassen. Als Tutor unterstützt der Architekturstudent wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren an der Technischen Universität Berlin in ihrer Lehrtätigkeit. Sein Rat insbesondere für alle Studienstarter: „Man sollte Respekt vor Professoren haben, aber keine Angst. Professoren sind auch nur Menschen, das merkt man ganz schnell.“
  Mit der Doppelfunktion als Student und Tutor hat Philip Schmalor kein Problem. „Die Studenten merken schnell, dass der Tutor etwas drauf hat. Und für viele ist es einfacher zu uns zu kommen, um eine Frage zu stellen, als zum Professor zu gehen.“

DR. KERSTIN LOPATTA, Juniorprofessorin am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin bringt noch einen weiteren Aspekt mit ins Spiel für ein konstruktives Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden: „Ich erwarte eine gewisse Begeisterung für das ausgewählte Studienfach.“ Ihr Tipp an den Nachwuchs: „Mit Spaß an das Studium heranzugehen und nicht denken, das muss ich jetzt machen. Schließlich haben sich die Studierenden freiwillig dazu entschieden.
  Nachgefragt ...

duz Studium hat Dozenten und Hochschullehrer über ihre Wünsche und Empfehlungen an Studierende befragt.
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