GLOBAL CAMPUS
 
Das echte Spanien
mal ganz ohne Urlaubslaune

Alles hat zwei Seiten – auch der Deutschen liebstes Ferienziel. Pia Schreiber hat während ihres Auslandssemesters in Málaga die andere Seite entdeckt.

„PROFESSOR ANTONIO MORA SANCHEZ schaut mich erstaunt von unten nach oben an, um mir dann mitzuteilen, dass er leider gar nicht für meine Immatrikulation zuständig ist. Da habe ich wohl einer Falschinformation des ,International Office‘ aufgesessen, die mich viel Zeit und Lauferei gekostet hat. Vier Tage hintereinander habe ich inner- und außerhalb der Sprechstunden das Büro von Antonio Mora Sanchez in der zweiten Etage der ,Facultad de Ciencias de la Comunicación‘ an der Universität Málaga aufgesucht. Vier Tage lang habe ich dort vor einer verschlossenen Tür gewartet. Es ist nun fast zwei Wochen her, dass ich in Málaga angekommen bin.
   
 

Die Uhren ticken hier
ganz anders als zu Hause

  Vor einer Woche begannen die Vorlesungen. Ich habe mir längst einen Stundenplan zusammengestellt und die ersten Leute kennengelernt. Nur meinen Studentenausweis, den habe ich noch nicht. Das bedeutet: teurere Busfahrten, im Kino kein ermäßigter Eintritt und keine Unibibliothekskarte. Viel schlimmer jedoch ist, dass ich jeden Tag in der Gewissheit verbringe, dass ich offiziell noch gar keine ERASMUS-Studentin bin. Mein Schicksal hängt also ab vom Gutdünken der gemächlich tätigen Unimitarbeiter – die obendrein fast alle täglich von 13 bis 17 Uhr ihre „Siesta“ genießen.    
  Ein gewisser Enrique Lavin werde mir sicher weiterhelfen, brummelt Antonio Mora Sanchez mit stoischer Gelassenheit und wendet sich mit einer ruhigen Kopfbewegung wieder seiner Computertastatur zu. Ich indes renne umgehend zum Büro von Enrique Lavin und der ist – wie kann es anders sein – gerade nicht da. Ich beginne zu begreifen, dass hier in Südspanien eine andere Uhr tickt als zu Hause in Deutschland.

ICH STUDIERE EIGENTLICH FACHJOURNALISTIK an der Hochschule Bremen. Doch im Rahmen eines verpflichtenden Auslandssemesters hat es mich im Sommer 2006 nach Spanien verschlagen. Ich freute mich auf spanisches Temperament, ausgelassene Herzlichkeit, wunderbares Wetter und viele spannende Eindrücke. Begrüßt wurde ich jedoch von einem Februar-Nieselregen, Beamten mit Schlafzimmerblick und vom Wetter heruntergedrückten Mundwinkeln. Nein, das hier ist beileibe nicht das ,Urlauber-Spanien‘. Es ist das echte, unverfälschte Spanien, was auch mal schlechte Laune hat.

WEITERE ZWEI WOCHEN SPÄTER habe ich endlich meinen Studentenausweis, die ermäßigte Busfahrkarte und einen günstigeren Kinobesuch hinter mir. Das Abenteuer kann jetzt richtig beginnen, würde mir da nicht mein deutsch geprägtes Verständnis von guter und produktiver Arbeit ab und an im Wege stehen. In meinem Kurs ,Audiovisuelle Medien in der Erziehung‘ zum Beispiel: Drei Monate haben wir Zeit, um einen 20-minütigen autodidaktischen Film für Kinder zu drehen. Eine Woche vor Abgabe habe ich meine Gruppe endlich überzeugt, mit den Dreharbeiten zu beginnen. In der letzten Nacht schneiden wir den Film ...
 
  Engagierter geht es da in meinem Radio-Kurs zu. In wochenlanger Arbeit entwickeln meine Gruppe und ich das Konzept für einen neuen Radiosender und produzierten mehrere Sendungen als Prototypen. Nach der Arbeit locken der Strand und die vielen Bars. Ich verlasse die Fakultät und da fährt Manuel Chaparro Escudero – mein Radio-Prof – in seinem dunklen, alten Mercedes vor: ,Herzlichen Glückwunsch zur guten Klausur! Genieß die Sonne!‘, ruft er mir auf Spanisch zu und winkt lächelnd. Spätestens da habe ich mich endgültig wieder versöhnt mit diesem Land und seinen Leuten.“