BEWEG DICH
 
Probieren geht über Studieren


Mit dem Start ins Studium beginnt auch die Suche nach dem künftigen Beruf: Was will ich später einmal werden? Welche Berufswege stehen mir offen? Welche besonderen Fähigkeiten habe ich? Bin ich eher für die Wissenschaft oder für einen Job in der Wirtschaft geeignet? Da hilft nur eines: Neben dem Studium Praxiserfahrungen im In- und Ausland sammeln, Experten befragen und Profis beim Arbeiten über die Schulter schauen. Von Katharina Lötzsch und Stefan Rippler

Während seiner Schulzeit träumte Ignacio Cirac davon, Architekt zu werden. Wegen seines mangelnden Zeichentalents ließ er davon ab und immatrikulierte sich für ein Luftfahrtingenieur-Studium. Doch schon die ersten Vorlesungen an der Uni in Madrid machten dem Spanier klar: Der Studiengang konnte sein Bedürfnis, stärker in die mathematischen Grundlagen vorzustoßen und sie zu verstehen, nicht befriedigen. Also wechselte er zur Physik über und fand schließlich im dritten Semester zu seiner wahren Berufung: der Quantenmechanik.

 
 

Die letzte Bestätigung aber, dass er in seinem Traumberuf angekommen war, erhielt der Physiker durch seinen Forschungsaufenthalt in den USA. An der Universität von Colorado, der zahlreiche Nobelpreisträger entstammen, erlebte er mit, was Spitzenforschung bedeutet. „Ich hatte Angst, dass ich dem nicht gewachsen bin, dass ich auf all diese hochkarätigen Wissenschaftler treffen und sie nicht verstehen würde“, erinnert sich Ignacio Cirac an seine Gedanken, die ihm auf seiner ersten Reise über den Atlantik durch den Kopf gingen. Doch die Reise ins Ungewisse und die in den USA gewonnenen Einblicke und Erfahrungen haben den heutigen Direktor des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching für seine weitere Karriere stark geprägt. Seit ein paar Jahren schon wird der jetzt 40-Jährige selbst als Anwärter auf den Physik-Nobelpreis gehandelt.
Das Beispiel des Forschers, der auszog, die weitestgehend unbekannte Welt der Quantenphysik zu durchdringen, zeigt: Wer den Beruf finden will, der zu ihm passt, muss sich aktiv auf die Suche begeben. Er muss bereit sein, seine Wünsche und Vorstellungen in der Praxis zu erproben – und möglicherweise zu korrigieren. Er muss risikobereit sein und es wagen, sich ungewohnten Situationen und neuen Erfahrungen zu stellen. Denn allen nachträglich gewebten Mythen zum Trotz: Kaum ein Studienanfänger, nicht einmal Spitzenleute aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, weiß beim Eintritt in die Uni so ganz genau, in welchem Beruf er später einmal landen wird. Doch das macht nichts: Schließlich ist die Studienzeit eine lange Reise, auf der es immer mal wieder Abzweigungen und Richtungswechsel geben kann. Wichtig ist nur, dass am Ende Klarheit über das Ziel herrscht: also über den Beruf, der zu einem passt.
Neugierig sein, sich informieren, Praktika absolvieren, sich im Ausland erproben und Berufsfelder in Wissenschaft, Forschung oder Wirtschaft erkunden: all das sind Erfolg versprechende Berufswahlstrategien.

Im Studium das Arbeitsfeld Wissenschaft erproben
Drei bis vier Jahre lang tagein, tagaus Vorlesungen besuchen, in der Bibliothek recherchieren, kleine Laborexperimente durchführen, an Exkursionen teilnehmen und Hausarbeiten verfassen: All diese Aktivitäten dienen dazu, vorgegebene Leistungsanforderungen zu erbringen und das Studium erfolgreich zu absolvieren. Doch neben der Pflicht sind sie auch eine gute Übung, um Forschung und Lehre als mögliches Arbeitsfeld für sich auszutesten und sich im Labyrinth der Wissenschaft zurechtzufinden. „Was einen guten Forscher ausmacht, welche besonderen Qualifikationen ein Hochschullehrer mitbringen muss und welche Spielregeln in der Science Community herrschen: die beste Schule dafür ist die Hochschule. Dort kann jeder Student für sich herausfinden, ob er das Zeug zum Forscher hat und ob er in der Wissenschaft heimisch werden kann“, sagt die Münchner Psychologin und Berufswahlexpertin Dorothea Böhm. Ihre Tipps für Studienanfänger lauten:

Suchen Sie Kontakt zu Ihren Hochschullehrern.

Fragen Sie Ihre Profs nach ihren Erfahrungen und Anforderungen.

Nehmen Sie an wissenschaftlichen Veranstaltungen teil.
Halten Sie Ausschau nach einem Mentor, der Sie mit der Welt der Wissenschaft vertraut macht.
Lernen Sie als studentische Hilfskraft den Hochschulbetrieb näher kennen.

 
So findest du ein Praktikum

Eigene Vorstellungen klären

  Wo möchte ich mein Praktikum absolvieren (Ort, Branche, Größe und Profil des Betriebes/der Organisation)?
  Was erwarte ich von meinem Praktikum (Lernziele, Aufgaben, welche Arbeitsbereiche möchte ich kennen lernen)?

Praktikumsstellen suchen

  Adressen von Betrieben/Organisationen besorgen (übers Internet, durch Nachfragen bei Hochschullehrern, bei Messebesuchen).
  Genaue Informationen über Betriebe/Organisationen besorgen (Produkte, Arbeitsschwerpunkte).
  Bewerbungsfristen klären: Bei längeren Praktika müssen Bewerbungen oft schon ein Jahr vor Praktikumsstart eingehen.

Angebote prüfen und gezielt bewerben

  Vor dem Versenden der Bewerbungen folgende Fragen klären:
  Erfülle ich die Anforderungen?
  Kann ich dort meine Vorstellungen realisieren?

Bewerbungsunterlagen erstellen

  Kurzes Anschreiben (maximal eine Seite), in dem du erklärst, warum du dich dort bewirbst, warum du geeignet bist. Mit genauen Angaben zur Erreichbarkeit (Telefon, Handy oder E-Mail).
  Lückenloser Lebenslauf mit einem professionell gemachten Passfoto.
  Zeugnisse und eventuell Nachweis über sonstige Kenntnisse (Arbeitserfahrungen, Sprachen).

Bewerbungen verschicken

  Vor dem Versand noch einmal überprüfen, ob die Unterlagen komplett und fehlerfrei sind, Adresse und Ansprechpartner stimmen und der Briefumschlag richtig frankiert ist.
  Telefonisch nachfragen, was aus der Bewerbung geworden ist, wenn man nach einiger Zeit noch nichts vom Betrieb gehört hat.

         
  Mit Ausdauer zur Professur
Am Anfang jeder Forschung steht das Staunen; plötzlich fällt einem etwas auf. Mit diesem Satz mag der deutsche Zoologe Wolfgang Wickler recht haben – für eine Karriere in der Wissenschaft reicht kontinuierliches Staunen aber längst nicht aus. Ein hohes Maß an Eigenverantwortung und selbstständigem Denken, gepaart mit viel Durchhaltevermögen, sind nötig, um als Forscher an einer Universität nicht unterzugehen.

Den einen Weg zum „Prof.“ vor dem eigenen Namen gibt es nicht. Eine Karriere in der Wissenschaft gleicht vielmehr einem Labyrinth: Es bietet viele Möglichkeiten, voranzukommen. Allerdings ist der Weg dahin oft steinig. „Forschung ist ein kompetitives Geschäft, der Wettbewerbsfaktor hoch“, berichtet die Kölner Soziologin Dr. Anja Frohnen. Dazu komme Unsicherheit auf vielen Ebenen. Bis zur Professur erhalten Wissenschaftler lediglich befristete Arbeitsverträge. Nachwuchsakademiker müssen bereit sein, häufig umzuziehen, was auch Partner- und Freundschaften arg strapazieren kann.
         
 

„Ständiges Schreiben – Anträge, Artikel, Forschungsberichte – und die Ergebnisse gut darstellen, das sollte man auch noch können“, erklärt Anja Frohnen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, den coacht die Soziologin durch den akademischen Irrgarten. „Hochschulabsolventen wollen häufig wissen, ob sich eine Promotion lohnt“, sagt die 36-Jährige. Eine berechtigte Frage – schließlich investiert man in eine Doktorarbeit drei bis fünf Jahre Lebenszeit. Dennoch stieg in den vergangenen Jahren die Zahl derer, die promovierten, weil sie nach dem Studium nicht sofort einen Job fanden.

„Doktorarbeiten als Überbrückung scheitern oft“, weiß Helga Knigge-Illner. Die Psychologin hat jahrzehntelang Promovierende an der Freien Universität Berlin beraten. „Wer sich nicht mit voller Energie und Leidenschaft in dieses Vorhaben stürzt, bleibt schnell stecken.“ Fachliches Interesse sei eben nicht genug; eine gute Arbeitsmotivation, realistische Zeitplanung, verbindliche Absprachen mit dem Doktorvater und ein klug abgestecktes Thema entscheiden über Erfolg oder Misserfolg.

Nach der Dissertation gabelt sich im Labyrinth der Weg. Promovenden können in die freie Wirtschaft gehen, zu wissenschaftlichen Forschungsinstituten oder als Juniorprofessor oder Habilitant an einer Hochschule bleiben. Die Juniorprofessur ermöglicht Nachwuchsakademikern seit 2002, ohne Habilitation drei Jahre lang zu forschen und zu lehren. Erhält man danach eine positive Beurteilung, kann man weiterforschen. Ein negatives Urteil bedeutet das Ende der wissenschaftlichen Karriere.

Wegweiser zur Professur gibt es viele: Berater, Bücher, Internetportale. So bietet www.academics.de eine kostenlose Karriereberatung für junge Forscher an. Dort geben Experten Tipps auf Fragen, wie man sich am besten auf eine Professur bewirbt, welche Strategien in Berufskommissionen Erfolg haben oder in welchen Fachzeitschriften man seine Ergebnisse publizieren sollte. Die Fähigkeit grenzenlos staunen zu können und die unbändige Lust am Entdecken – das müssen Nachwuchswissenschaftler schon selbst mitbringen.