GLOBAL CAMPUS
 
Die eigene Kultur ist nicht
der Maßstab aller Dinge

Auslandsaufenthalte haben im Studium einen festen Platz. Warum sie wichtig sind und wie ihr sie richtig nutzen könnt – dazu ein Gespräch mit Stefan E. Hormuth, Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Interview: Veronika Renkes

  interkulturelle Kompetenz
         
  Hormuth
Prof. Dr. Stefan E. Hormuth
studierte zunächst Psychologie an der Universität in Heidelberg und ging dann mit einem DAAD-Stipendium an die University of Texas in Austin, wo er auch promovierte. Seit 21 Jahren ist er Professor für Sozialpsychologie, seit 11 Jahren Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen und seit Januar 2008 ist er DAAD-Präsident.
  Alle sagen immer, dass Auslandsaufenthalte ungemein bereichern. Doch was genau ist es, was ich nicht auch genauso gut zu Hause lernen und erleben kann?

Stefan E. Hormuth: Für mich ist dies vor allem die Erfahrung der Andersartigkeit. Als ich als Student zum ersten Mal in Texas war, war dort fast alles ganz anders, als ich es bisher kannte. Doch dann merkte ich, dass dies völlig normal ist. Die Begegnung mit andersartigen Kulturen, Regeln und Umgangsformen hilft uns, unser eigenes Erleben und unsere eigene Kultur mit anderen Augen zu sehen und sie nicht als absolut zu betrachten. Die Art und Weise, wie Menschen aus anderen Kulturen fühlen, denken und arbeiten, zu verstehen und zu respektieren – das ist eine wichtige Schlüsselqualifikation in der heutigen globalisierten Arbeitswelt.

Wie kann ich als Student von der Andersartigkeit für mein Studium profitieren?

Während des Auslandsstudiums stößt man häufig auf eine ganz andere Lehr- und Lernkultur. Es werden oft andere Inhalte gelehrt und andersartige Forschungsmethoden angewandt. Hochschullehrer und Dozenten haben häufig ein ganz anderes Rollenverständnis als deutsche Lehrende. Als Student hat man dadurch die Chance, sich neues Wissen anzueignen, über bisherige Erfahrungen und Vorstellungen über Wissenschaftskultur und das eigene Fach zu reflektieren und sie auf den Prüfstand zu stellen. Die durch den Auslandsaufenthalt gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen eröffnen einem die Möglichkeit, daraus neue Ansätze, Fragestellungen und Ideen für die eigene wissenschaftliche Arbeit zu entwickeln.

Wie war das bei Ihnen, wie hat sich Ihr Studium in den USA auf Sie ausgewirkt?

Meine Entscheidung, 1972 nach dem Vordiplom als Austauschstudent nach Texas zu gehen, hat mein ganzes Leben nachhaltig beeinflusst. Dadurch bin ich viel schneller und enger an die Wissenschaft herangeführt worden und war mir sehr schnell sicher, dass ich Wissenschaftler werden wollte. Seit dieser Zeit bin ich immer wieder in die USA zurückgegangen und habe dort Erfahrungen als Doktorand, als Postdoc und als Gastprofessor gesammelt. Schon bei meinem ersten Aufenthalt hatte ich das Glück, auf sehr engagierte Professoren zu stoßen, die sich darum kümmerten, dass die ausländischen Studierenden gut integriert wurden. Zudem lernte ich in meinem Fach der Sozialpsychologie neue methodische Ansätze kennen, die mir wichtige Anstöße für meine eigene Forschung gebracht haben.
       
 
Sie sagen selbst, dass Sie viel Glück gehabt haben. Es gibt aber auch viele Auslandsaufenthalte, die eher Feriencharakter haben. Was kann ich tun, um meine Studienzeit im Ausland besser zu nutzen?

Es ist wichtig, dass man sich vorab sehr gut über die gewünschte ausländische Hochschule oder das Austauschprogramm informiert: Was sind die Inhalte? Wie ist die Betreuung? Wie renommiert ist die Hochschule in meinem Fach? Wie sieht es mit der Anerkennung der Studienleistungen aus? Antworten auf solche Fragen bekommt man zum Beispiel bei den Akademischen Auslandsämtern an den Hochschulen. Neben einer guten Vorbereitung gehört aber auch die Bereitschaft, sich voll und ganz auf den Auslandsaufenthalt einzulassen. Dazu zählt: nicht ständig nach Hause zu telefonieren und nur mit Landsleuten zusammen zu sein. Auch wenn es anfangs viel Mühe und Überwindung kostet: Kontakte zu Einheimischen sind unerlässlich, um sich gut im Ausland einzuleben und daraus einen persönlichen Gewinn zu ziehen.

Die Angst, nicht schnell genug mit dem Studium fertig zu werden, hält gerade Bachelor-Studierende davon ab, ins Ausland zu gehen. Was würden Sie ihnen entgegnen?

Ich würde erst einmal fragen, warum jemand glaubt, mit dem Studium so schnell wie möglich fertig werden zu müssen. Denn das ist ja nicht per se sinnvoll. Weniger die Dauer als die Qualität des Studiums sind ausschlaggebend für den weiteren beruflichen Weg und Erfolg. Zudem muss ein gut geplanter Auslandsaufenthalt, bei dem es klare Absprachen zwischen der Heimat- und der Gastuniversität gibt, nicht unbedingt zu einer Studienzeitverlängerung führen.

Vielen Studierenden fehlt es – trotz Auslandsaufenthalt – an Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Wie kann das sein?

Es ist nun mal so, dass dies sehr stark von der Erziehung geprägt wird. Wer entsprechende Erfahrungen bereits im Kindergarten, in der Schule und durch seine Familie gemacht hat, wird auch als Student sehr viel offener und toleranter anderen Menschen und Kulturen begegnen. Auf den Punkt gebracht: Offenheit und Toleranz kann man Menschen nicht einfach überstülpen. Es braucht viel Zeit und gute Vorbilder, damit Menschen sie verinnerlichen und leben. Deshalb ist es wichtig, dass Studierende sehr früh schon interkulturelle Erfahrungen sammeln, die ihre Auslandsaufenthalte vorbereiten und begleiten.

Muss ich denn unbedingt ins Ausland jetten, um interkulturell fit zu werden?

Das ist für junge Menschen natürlich sehr attraktiv. Doch interkulturelle Kompetenzen kann man genauso gut hier bei uns in Deutschland erwerben. Wir leben schließlich in einer multikulturellen Gesellschaft, in der viele Millionen Menschen aus aller Welt mit ihren eigenen Kulturen, Bräuchen und Sprachen leben. Sie sind unsere Nachbarn, Arbeitskollegen, Dienstleister oder Kommilitonen. Gerade an den Hochschulen prägen ausländische Studierende und zunehmend auch Dozenten und Forscher das Geschehen. Gut jeder zehnte der an einer deutschen Hochschule immatrikulierten Studenten kommt aus dem Ausland. Da gäbe es für deutsche Studierende reichlich Gelegenheit, andere Kulturen hautnah zu erleben. Das kostet anfangs etwas Zeit und die Bereitschaft, auf die ausländischen Kommilitonen zuzugehen, ihnen zuzuhören und sich auf ihre Andersartigkeit einzulassen. Wer dies zulässt und sich hier engagiert, hat die Chance, den eigenen Horizont und die eigenen Handlungskompetenzen ungemein zu erweitern.
 

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Come in, go out
Attraktive Info-Angebote des DAAD fürs Auslandsstudium – für deutsche und für internationale Studierende

Für deutsche Studierende
kreiswww.daad.de: Unter »Informationen für Deutsche« gibt es spezielle Länderinformationen, die Auskunft geben über Studienangebote, Zulassungsvoraussetzungen und Lebensbedingungen.
Für die Beantwortung erster Fragen steht dort die virtuelle Studienberaterin Luzie bereit.
kreishttp://eu.daad.de: Unter »ERASMUS« steht alles Wissenswerte zum europäischen Mobilitäts programm. Dort gibt es auch (»/eu/08283.html) die Broschüre „Generation ERASMUS. Auf dem Weg nach Europa.“ als Download.

Für internationale Studierende
kreiswww.studieren-in.de: Informationen zum Studium in Deutschland und zu Land und Leuten.
kreiswww.daad.de/international-programmes: Überblick über die speziell für ausländische Studierende konzipierten „International Bachelor, Master and Doctoral Programmes in Germany“ – mit Suchfunktion nach Fächern und Hochschulstandorten.
kreiswww.daad.de/sommerkurse: Sommer- und Winterkurse an deutschen Hochschulen, sortiert nach Fachrichtungen und Hochschulen.

Mehr Infos
kreiswww.funding-guide.de: Stipendien-Datenbank des DAAD
kreiswww.daad-magazin.de