GLOBAL CAMPUS
 
Einer für alle,
alle für einen

Der gute Ruf der deutschen Wissenschaft lockt viele junge Ausländer zum Studium nach Deutschland. Ihre Erwartungen an eine Top-Ausbildung erfüllen sich meist. Doch das Gefühl, fremd zu sein, macht ihnen zu schaffen. Ein Einblick von Hanna Irabi und Angelika Fritsche.

 Goal!!! Ilias Triumphschrei hallt durch das Kellergeschoss der Technischen Fachhochschule Bochum. Mit einem Dink Shot hat seine Mitspielerin Jana soeben den fünften Ball ins gegnerische Tor geschossen. Noch ein einziger Punkt – und die beiden gehen als Sieger aus der Kickerrunde gegen David und Adnane hervor. Auch sonst sind Ilias (siehe Statement unten) und Jana ein starkes Team. Der Marokkaner und die Deutsche sind im AStA, dem Allgemeinen Studierendenausschuss der Technischen Fachhochschule (TFH) Bochum, aktiv – Jana als stellvertretende Vorsitzende, Ilias als Referent für Gleichstellungsaufgaben – und auch David aus der gegnerischen Kickermannschaft gehört dazu. Er ist der AStA-Vorsitzende, während Adnane (siehe Statement) zwar nicht in der Hochschulpolitik mitmischt, sich aber sehr wohl in der marokkanischen Community engagiert. Das Anliegen, das die Vier besonders umtreibt: das Miteinander zwischen den ausländischen und deutschen Studierenden an ihrer Hochschule zu verbessern. Hier– so Jana, Ilias, David und Adnane – müsste ganz selbstverständlich das Motto gelten „Einer für alle, alle für einen“ – ganz nach dem Vorbild der drei Musketiere.
   
einer für alle
     
     

einer für alle

Gute Gastgeber: Jana Büscher und David Sieber engagieren sich für ihre ausländischen Kommilitonen.
  Lieblingsziele von Auslandsstudenten:
USA, Großbritannien und Deutschland
Die erfolgreiche Integration ausländischer Studierender ist ein sehr wichtiges, sehr existenzielles Thema für die kleine, auf Bergbau und Geoingenieurwesen spezialisierte Fachhochschule: Immerhin 13 Prozent der insgesamt 1.400 TFH-Studierenden hat es aus dem Ausland nach Bochum verschlagen – aus 34 verschiedenen Herkunftsländern. An der Spitze steht Ilias Heimatland Marokko, mit einem Anteil von 45 Prozent unter den Auslandsstudenten, gefolgt von der Türkei (13 Prozent).
Eine Ausnahme? Keineswegs. Die stark ingenieurwissenschaftlich geprägte Fachhochschule mitten im Ruhrgebiet liegt damit voll im Trend: Gut 12 Prozent aller in Deutschland Studierenden kommen aus einem anderen Land – das belegt die aktuelle Ausgabe der Studie „Wissenschaft weltoffen“, die der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) gemeinsam mit der HIS (Hochschul-Informations-System GmbH) jährlich veröffentlicht. Ihre Zahl lag 2007 bei rund 246.000 Studierenden, wobei die Statistik fein zwischen den 188.000 Bildungsausländern (sie haben ihre Studienzugangsberechtigung im Ausland erworben) und den 58.000 Bildungsinländern (eigentlich Migranten in Deutschland) unterscheidet. Eine kleine Abweichung zur TFH Bochum: Deutschlandweit sind die Chinesen die stärkste Gruppe unter den internationalen Studierenden. Danach kommen Bulgaren, Polen und Russen (siehe Grafik). Doch auch die Türkei und Marokko – ganz wie in Bochum – zählen zu den Top Ten der Herkunftsländer und immer mehr Ausländer entscheiden sich für das Studium an einer Fachhochschule.
     
  Nach den USA und Großbritannien ist Deutschland das beliebteste Ziel der international mobilen Studierendenschaft, die nach der letzten Erhebung der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) im Jahr 2005 bei rund 2,73 Millionen Personen lag. Warum das so ist, darauf hat Lamiaa aus Casablanca (siehe Statement ) eine Antwort: „Ich hatte die Wahl zwischen den USA, Frankreich und Deutschland. Doch jeder, den ich in Marokko um Rat fragte, sagte mir, dass die deutsche Hochschulausbildung – vor allem in den Ingenieurwissenschaften – weltweit Spitze ist. Meine Schwester, die schon vorher zum Studium nach Deutschland gegangen war, hat mir dies bestätigt. Außerdem ist das Studium in Deutschland im Vergleich zu Frankreich und den USA viel preiswerter und es gibt viele Vergünstigungen für Studierende, wie Semesterticket, kulturelle Veranstaltungen und Museen.“
Lamiaas Motivation, in Deutschand zu studieren, ist nahezu repräsentativ für das Gros der Studierenden, die aus Afrika, Asien und Ost- und Mitteleuropa an eine deutsche Hochschule kommen. Inder zum Beispiel – so die Beobachtungen der Hamburger Indologin Prof. Tatiana Oranskaia – schätzen vor allem die deutsche Technik, die als weltweit führend gilt. Sie erwarten vom Studium in Deutschland einen „besonders hohen Karrieregewinn“.
   
     
      einer für alle
     
  Große Ignoranz und fehlende Neugierde:
Deutsche sollten weltoffener werden
Die Aussicht auf eine weltweit renommierte Qualifizierung mit attraktiven Karriereaussichten hat auch Jacques den weiten Weg von Kamerun auf sich nehmen lassen (siehe Statement Seite 34). Doch so sehr der angehende Wirtschaftsingenieur von Anfang an von der Qualität seines Studiums begeistert war, so sehr hat er sich in den ersten Monaten einsam gefühlt.
„Es ist nicht leicht, Kontakte zu den deutschen Kommilitonen zu knüpfen. Sie haben meistens keine Zeit und bleiben gern unter sich“, lautet Jacques Erfahrung, die viele der internationalen Studierenden teilen. Am meisten irritiert viele Ausländer dabei, dass die als reiselustig bekannten Deutschen so wenig Interesse an ihnen und ihren oft so andersartigen Kulturen zeigen. Das erleben sie außerhalb der Uni, aber auch direkt im Umgang mit ihren deutschen Studienkollegen. Eine Folge davon: Auch in den Hochschulen halten sich zäh alte Vorurteile gegenüber den Herkunftsländern der ausländischen Studierenden. „Es wundert mich, wie wenig viele Kommilitonen über mein Land wissen. Viele glauben, dass wir Chinesen noch immer so leben wie vor Hunderten von Jahren“, sagt Moxin Wang, Maschinenbau-Student in München. Ähnlich ergeht es Imran Latif, der Telekommunikation in Bayerns Kapitale studiert: „Sie haben ein sehr festes Bild von Pakistan, das meistens aus dem Fernsehen stammt.“
Und auch Dr. Ram Prasad Bhatt, indischer Lektor an der Universität Hamburg, findet: „Die Neugierde und Sensibilität gegenüber Menschen aus anderen Kulturen ist in Deutschland zu gering ausgeprägt.“ In der globalen Arbeitswelt sind das aber genau die Kompetenzen, die von Mitarbeitern zunehmend erwartet werden und für angehende Führungskräfte ein absolutes Muss sind (siehe Interview). „Die deutschen Studierenden hätten so viele Möglichkeiten, sich interkulturell fit zu machen. Sie müssten nur einfach mehr mit ihren ausländischen Kommilitonen unternehmen und Freundschaften mit ihnen schließen“, empfiehlt Dr. Kambiz Ghawami, Vorsitzender des deutschen WUS (World University Service).
Dass das keine graue Theorie ist, sondern wirklich funktionieren kann, zeigt ein letzter Blick auf die TFH Bochum: Dort veranstaltet das Akademische Auslandsamt gemeinsam mit dem AStA seit Kurzem landeskundliche Abende – mit Vorträgen zu Land und Leuten und anschließender Party. Beim ersten Mal drehte sich alles um Marokko. „Spätestens als der marokkanische DJ die Musikanlage aufdrehte, kam auch Bewegung in die deutschen Studierenden“, erinnert sich Ilias. Als Nächstes sind die Kameruner dran.
   
           
Lamiaa Hatim   Lamiaa Hatim

studiert Elektrotechnik und
Informationstechnologie
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»Es fällt mir manchmal schwer, den inneren Kampf zwischen Heimweh und meiner beruflichen Zukunft auszuhalten. Ich habe mich gegenüber meiner Familie dazu verpflichtet, im Ausland zu studieren. Nun bin ich hier ganz allein auf mich gestellt.Ich schaffe das nur, weil ich mir ein eigenes soziales Umfeld mit Freunden aus vielen verschiedenen Kulturen aufgebaut habe. Von den deutschen Kommilitonen wünsche ich mir, dass sie ein bisschen mehr Verständnis für unsere Kultur aufbringen. Es wäre schön, wenn sie sich mehr für uns interessieren würden. Dazu gehört auch, mal nachzufragen, warum wir bestimmte Dinge tun und nicht gleich abgenervt zu sein.«
           
Adnane Belmokhtar

studiert Elektrotechnik mit
Schwerpunkt Nachrichtentechnik.


»Am Anfang waren einige Professoren sehr streng zu uns ausländischen Studierenden – auch weil wir die Fachbegriffe auf Deutsch noch nicht so gut kannten. Da fühlte ich mich nicht besonders gut integriert. Das ist jetzt anders. Was geholfen hat, ist, dass wir nun zusammen mit deutschen Studierenden lernen und gemeinsam Praktika absolvieren. Meistens ist das allerdings freiwillig und nicht alle machen da gern mit. Es war gut, dass sich die Professoren hier eingeschaltet haben und vorgeschlagen haben, dass wir gemischte Arbeitsgruppen bilden. Denn es ist natürlich besser, wenn nicht nur Marokkaner, Afrikaner und Chinesen zusammen lernen, sondern auch Deutsche mit dabei sind. Davon profitieren die Deutschen auch, zum Beispiel von unseren sehr guten Mathe- und Physikkenntnissen.«
  Adnane
         
  ilias   Ilias Chafik

studiert Elektrotechnik mit
Schwerpunkt Nachrichtentechnik.


»Ich möchte mein Studium so schnell wie möglich abschließen, aber zugleich auch Spaß mit meinen Kommilitonen haben. Deshalb engagiere ich mich im AStA, wo ich als Gleichstellungsbeauftragter die Interessen der ausländischen Studierenden vertrete. Durch meine Mitgliedschaft im Studentenparlament habe ich die Möglichkeit, deutsche Kommilitonen kennenzulernen und mehr über die Deutschen und ihre Kultur zu erfahren. Leider gibt es auch deutsche Kommilitonen, die sehr unhöflich zu uns Ausländern sind und sogar versuchen, uns Schwierigkeiten im Studium zu machen. Ich sage mir dann immer: Ich bin derjenige, der sich für ein Studium in Deutschland entschieden hat. Deshalb sollte ich viel Geduld aufbringen und dazu beitragen, Missverständnisse zu vermeiden.«
         
  Jacques Olivier Ntenkap Tchakouhang

studiert Wirtschaftsingenieurwesen und Elektrotechnik.

»Mein Bruder hat in Dortmund und in Darmstadt studiert und mir gesagt, dass das Studium in Deutschland sehr gut ist und auch nicht teuer. Eine Ingenieurausbildung in Deutschland bietet mir später die Chance, bei einem internationalen Unternehmen einen guten Job zu bekommen. Für die TFH Bochum habe ich mich entschieden, weil sie einen guten Ruf hat und weil sie klein und übersichtlich ist. Die Professoren kennen einen und haben Zeit. Was ich auch gut finde, ist, dass einem das Studentensekretariat bei allen organisatorischen Fragen hilft. Man steht nicht so allein da. Was anfangs aber etwas schwer war: deutsche Freunde zu finden. Was mir geholfen hat: Ich spiele Kicker und so habe ich die anderen Kommilitonen kennengelernt. Wenn man zusammen Sport macht, klappt das viel besser.«
  jacques