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Die Generation Bachelor hat die Hochschulen erobert. Mit gesunder Skepsis, stark aus geprägtem Pragmatismus und einem Hauch von Lässigkeit begegnen die Studienstarter den Herausforderungen des globalen Studienzeitalters. Von Jeanette Goddar

Die Antwort auf die Frage „Warum Bio?“ kommt prompt. „Na, warum denn nicht Bio?“, fragt Katja zurück. Biologie habe sie schon in der Schule interessiert. „Warum soll ich es dann nicht studieren?“ Gesagt, getan – seit April ist sie im Bachelor-Studiengang Biologie an der Freien Universität Berlin eingeschrieben. Und Anna? Anna fand es „schon immer wahnsinnig interessant, etwas über Menschen zu erfahren, von ihrem Leben früher und heute, bei uns und in anderen Kulturen“. Anna hat sich für Ethnologie entschieden. Auch in Berlin, an der Humboldt-Universität. Berlin war dabei gar nicht wegen der Uni wichtig, sondern weil es auch ein Leben draußen gibt: „Hier pulsiert nun einmal das Leben.“
Anna und Katja, zwei Ausnahmestudenten, die über ihr Studium auch in Zeiten zunehmenden Drucks noch nach Laune und Interesse entscheiden – ohne den Arbeitsmarkt über ihr Leben entscheiden zu lassen? Nein. Auch Björn (siehe Porträt ) studiert Geschichte und Politik, weil ihn Geschichte und Politik interessieren. Jakob will Lehrer werden, weil er als Zivi Spaß an der Jugendarbeit hatte. Und Christian (siehe Porträt) versucht sich in „Business Administration“, weil er ein paar Jahre in einem Unternehmen gearbeitet hat und das dazu passt. Von den ständig zitierten Statistiken über Absolventen und ihre Aussichten hat er kaum eine gelesen.

Eigenes Interesse geht vor
Arbeitsmarkt­perspektiven
Christoph Heine hat viele Statistiken nicht nur gelesen, sondern erstellt. Heine ist Studentenforscher bei der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) in Hannover. Seit Jahren ergründet er, was Studierende in welche Fächer treibt. Seine Erkenntnis: Die Aussichten am Arbeitsmarkt sind es meist nicht. Die kennen zwar viele. Entscheidend für die Studienwahl ist aber vor allem etwas anderes – nämlich zwei Fragen beziehungsweise die Antworten darauf: „Was kann ich? Und was interessiert mich?“ Die neuen, schnelleren und verschulteren Studiengänge, sagt Heine, hätten daran bisher zumindest nichts geändert. Die einzige Veränderung, die der Forscher zurzeit bemerkt: „Auf persönliche Entfaltung kommt es ein bisschen weniger an als früher.“ Ausschlaggebend bleibe aber das Interesse an einem Fach.
Und was interessiert die Neuen auf dem Campus? Auch hier gibt es so viel Neues nicht. Wieder einmal zog es letztes Jahr die meisten – nämlich jeden zehnten der 360.000 Starter – in die Wirtschaftswissenschaften (siehe Tabelle). Auf den Plätzen zwei und drei liegen das Lehrerstudium sowie Maschinenbau mit jeweils neun Prozent, gefolgt von Medizin mit sechs Prozent. Allerdings verzeichneten die Mangelfächer Maschinenbau und Elektrotechnik im Wintersemester 2007/2008 erstmals seit Jahren nennenswerte Zuwächse.
Statistisch ebenfalls bedeutsam war bei der jüngsten Vorstellung der Daten des gleichnamigen Bundesamtes: Die Studienanfängerquote – das ist der Anteil der Erstsemester unter Gleichaltrigen – ist minimal angestiegen, nämlich von 36,5 auf 36,6 Prozent. Zwei Prozent mehr als 2006 zog es an die Universitäten, 8 Prozent mehr an die Fachhochschulen. Und: Mehr Studenten wollen in ein Bundesland ohne als mit Studiengebühren. Den stärksten Anstieg verzeichneten Brandenburg und Bremen (plus 14 Prozent), gefolgt von Berlin (plus 12 Prozent), Thüringen und Sachsen (plus 9 Prozent). Im Saarland, in Baden-Württemberg und Hessen gingen die Anfängerzahlen leicht zurück. Immer attraktiver – vielleicht auch wegen der im internationalen Vergleich niedrigen Gebühren – wird Deutschland zudem für studierwillige Zuwanderer. Seit 1997 hat sich die Zahl der ausländischen Studenten auf knapp 190.000 fast verdoppelt. Damit kommt laut der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks fast jeder zehnte Student aus dem Ausland, angeführt von den Chinesen.

 

 

 

         
  tabelle 
         


Hohe Arbeitsbelastung stellt
Studierende auf eine harte Probe
Sorgen macht den Experten für die Hochschulen im Jahre 2008 vor allem etwas ganz anderes: Es knirscht mächtig im Gebälk des Bologna-Prozesses, der bis 2010 in ganz Europa alle Studiensysteme auf Bachelor und Master umgestellt haben soll. Zwar sind hierzulande im Sommersemester 2008 erstmals mehr als zwei Drittel der Studiengänge umgestellt – aber erschreckend viele Studierende bleiben nicht dabei. Nach jüngsten Erkenntnissen der HIS geben in vielen Fächern nicht weniger, sondern sogar mehr Studierende als zu Zeiten von Diplom und Magister auf. Jeder vierte warf in den ersten Jahren des Bachelors das Handtuch, an den Fachhochschulen mehr als jeder dritte. Besonders hohe Abbrecherquoten verzeichnen dabei die arbeitsaufwendigen Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften. Häufiger zu Ende als vorher studieren junge Männer und Frauen in den früher gern als lasch verlachten Geistes- und Sozialwissenschaften. Ihnen bietet das verschultere System offenbar mehr Orientierung.
Fest steht: Wer einen Bachelor anstrebt – und das ist inzwischen jeder zweite, wenn auch häufig mangels Alternativen – kommt ans Arbeiten. Um einen Credit Point zu bekommen, sollen Studierende in Deutschland laut Beschluss der Kultusminister 30 Stunden arbeiten. Bei 180 bis 240 zu sammelnden Punkte sind das 5.400 bis 7.200 Stunden – oder bis zu 1.200 Stunden in sechs Semestern. Jedes Semester besteht bekanntlich aus 12 bis 15 Wochen mit und etwa ebenso vielen Wochen ohne Vorlesungen. „Semesterferien“ hieß die letztgenannte Phase früher.
Weil die Stunden außerhalb der Hörsäle auch für andere Dinge als zum Vor- und Nachlernen gebraucht werden, wittern Studierendenvertreter den größten Fehler bei der Berechnung des sogenannten „Workload“: „Jeder zweite Studierende muss arbeiten, jeder zehnte hat Kinder, ebenso viele sind chronisch krank“, konstatiert Kolja von der Projektgruppe Studierbarkeit an der Humboldt-Universität, „für all diese Menschen ist eine 40-Stunden-Woche und mehr unstudierbar.“ Der hohe Arbeitsaufwand sowie der ständige Prüfungsdruck führten dazu, dass viele an ihre Grenzen gerieten.

Leere Kassen schrecken
Bachelor vom Auslandsstudium ab
Imke Buß vom Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften kritisiert: In Deutschland seien mit Bologna serienweise Unannehmlichkeiten eingebaut worden, die mit der europaweiten Angleichung gar nichts zu tun hätten: „Anwesenheitspflicht, starre Strukturen, kaum Wahlmöglichkeiten, permanenter Prüfungsdruck – all das müsste nicht sein und ist Gift für gute Studiengänge“, schimpft die Bielefelder Studentin. Insbesondere Studienanfänger würden so nicht nur in ein unvollkommenes System geworfen, sondern auch noch in eines, in dem sie prompt zu funktionieren hätten: „Das geht nicht. Wer an die Uni kommt, braucht Eingewöhnungszeit. Da ist man nicht gleich zu 100 Prozent dabei.“
Katja, die Biologin im ersten Semester, kann das nur bestätigen. „Die ersten Wochen war ich ganz schön planlos“, gesteht sie, „erst jetzt wird es so langsam besser.“ Nun hofft sie, dass sie die verlorene Zeit – in der sechsten Semesterwoche! – wieder aufholen kann. „Es ist wahnsinnig viel Arbeit. Ich mache mir da nicht so viel Stress – aber manche haben wirklich jetzt schon Angst, dass sie es nicht packen.“

Es gibt aber noch ein hehres Bologna-Ziel, das bisher verfehlt wurde: Die unbedingt gewollte europaweite Mobilität von Studierenden. Statistisch gehen laut HIS gerade einmal 15 Prozent im Rahmen ihres Bachelor ins Ausland, an den Fachhochschulen nur 9. Jeder dritte von ihnen wechselt nicht freiwillig das Land, sondern nur, weil es in der Studienordnung vorgeschrieben ist. Gut 35 Prozent haben überhaupt nicht vor, ins Ausland zu gehen; die Hälfte gibt „finanzielle Schwierigkeiten“ zur Begründung an. Für den Geschichts-Studenten Björn ist die fehlende Mobilität auch das größte Problem des Bachelors: „Dass uns das so schwer gemacht wird, ärgert mich wirklich.“
Vielleicht wäre es an der Zeit, dass auch die Studierenden der Politik ein bisschen Druck machten. Die aber haben ja bekanntlich keine Zeit zum Protestieren.

 
Tipps für einen optimalen Start

Networking von Anfang an ...

Einführungsangebote wahrnehmen:

Sie bieten alles Wissenswerte über das gewählte Studienfach, wie etwa Studienaufbau oder Studienplangestaltung, und geben Einblick in die Organisationsstrukturen der Hochschulen.

Tutorien besuchen:
Einführungskurse und Proseminare werden oft von Tutoren begleitet. Studierende höherer Semester vermitteln die für das Studienfach relevanten Grundlagen, helfen bei Problemen weiter und bieten die Chance, Fragen zu vertiefen.

Lerngruppen organisieren:
Sie sind ein wirksames Mittel zur Vorbereitung auf Klausuren oder mündliche Prüfungen sowie gegen Vereinsamung in der Massen-Uni. Am besten Aushang am Schwarzen Brett anbringen, auf der Webseite des Fachbereiches annoncieren und Kommilitonen ansprechen.

Bibliotheksführungen nutzen:
Dort erfährt man, wo welche Medien zu finden sind und wie sie ausgeliehen werden können.

Fachstudienberatung konsultieren:
Diese weiß, welche Studienleistungen unbedingt erbracht werden müssen und hilft dabei, Semesterpläne aufzustellen.

Vorkurse besuchen:
Für bestimmte Studiengänge, vor allem in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, werden vor Vorlesungsbeginn so genannte Vorkurse angeboten. Sie helfen, Kenntnislücken aufzuholen.

Wer zuerst kommt ...

Studien- und Prüfungsordnungen beschaffen:
Sie enthalten alle notwendigen Informationen zu Studienanforderungen in den einzelnen Fächern. Erhältlich sind sie bei den Fakultätssekretariaten.

Semesterpläne austesten:
Es ist wichtig, die Planung zu überprüfen und, wenn notwendig, Veranstaltungen zu streichen oder auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Studienfachberater können auch dabei weiterhelfen.

Frühzeitig eintragen:
In Massenfächern wie BWL sind Seminarplätze rar. Wer sich zu spät in die Anmeldelisten für Lehrveranstaltungen einträgt, muss aussetzen und verliert wertvolle Zeit.

PC-Zugang anmelden: Computerarbeitsplätze sind sehr begehrt, doch meistens ist die Nachfrage weitaus größer als das Angebot. Drum gilt auch hier: rechtzeitig anmelden und Platz buchen.

Studienliteratur bestellen:
Wer erst während des Semesters damit beginnt, muss mit langen Wartezeiten rechnen. Der Haken: Man schafft eventuell das vorgegebene Arbeitspensum nicht.

         

Studierende sollten mehr
Einfluss haben

Björn Stephan, 20, studiert im zweiten Semester Geschichte und Politik an der Freien Universität Berlin.

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EHRLICH GESAGT: Ich hatte mir das Studium anstrengender vorgestellt. Mit 16 Semesterwochenstunden bleibt mir Zeit zum Arbeiten – zum Geldverdienen, aber auch, um Erfahrungen für den Beruf zu machen. In meinen Fächern ist das ja auch unerlässlich: Wer Geschichte und Politik studiert, muss nun einmal damit rechnen, Taxi zu fahren, wenn er nicht neben dem Studium Kontakte knüpft.

Außerdem: Man ist ja auch nur einmal 20 und neu in Berlin – natürlich will ich auch noch etwas anderes sehen als nur Campus und Computer. Und ich engagiere mich in der Hochschulpolitik. Auch das finde ich wichtig.
Was mich ärgert ist, dass es uns so schwer gemacht wird, ins Ausland zu gehen. Bei sechs Semestern Regelstudienzeit ist das kaum drin. Überziehen kann man zwar – aber viele wollen nicht ohne Not länger gebraucht haben. Für mich habe ich den Plan noch nicht aufgegeben: Wenn ich es zeitlich und finanziell schaffe, werde ich ein Jahr nach London gehen. Fließendes Englisch wird schließlich in vielen Jobs längst vorausgesetzt.

Die Betreuung empfinde ich als nicht so schlecht. Vor allem jüngere Dozenten nehmen häufig ihren Job ernst und sprechen zum Beispiel auch Hausarbeiten durch. Störend finde ich, dass es so wenig Freiraum gibt. Ich weiß ja nicht, wie man früher studiert hat – aber ich sitze häufig in einem Seminar und frage mich: „Diskutieren wir hier eigentlich auch mal?“ Vieles erinnert stark an die Schulzeit.

Meine obersten drei Wünsche wären: die BA-Studienzeit auf acht Semester zu verlängern, um die Mobilität zu erhöhen. Zweitens wäre es schön, wenn es weniger sinnlose Beschränkungen durch das eng gezurrte Modul-Korsett gäbe. Drittens würde ich mir wünschen, dass Studenten mehr Einfluss darauf bekommen, was an der Universität passiert: Es ist schließlich unsere Ausbildung – und unsere Interessen sollten ernst genommen werden.

         

Studienstrukturen
sollten flexibler sein

Christian Sellnow, 25,
studiert Business Administration im zweiten Semester an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin (FHW).

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DASS ICH VIEL ZEIT HÄTTE, auf der faulen Haut zu liegen, kann man wirklich nicht sagen: Im ersten Semester hatte ich 32 Semesterwochenstunden, jetzt sind es 30. Dazu kommen etwa 10 Stunden Vor- und Nacharbeit – und Geld verdient habe ich damit noch nicht. Zwei Abende in der Woche jobbe ich in einer Bar; zusammen mit dem BAföG komme ich so ganz gut hin. Nur die Nächte nach der Arbeit sind etwas kurz – ich komme um vier nach Hause und muss um 10 in der Uni sein. In der Zeit, die mir bleibt, versuche ich wenigstens ein bis zwei Abende in der Woche Freunde zu treffen und nebenbei Sport zu treiben.

Auch wenn sich das viel anhört: Mir macht das Studium Spaß und ich finde es auch nicht schlecht, gefordert zu werden. Offenbar war das Studentenleben ja früher eher freizeitorientiert; ich weiß nicht, ob das mein Ding gewesen wäre. In erster Linie möchte ich nicht viel Zeit haben, sondern einen Abschluss machen, der mich weiterbringt. Sonst hätte ich mir das Studium sparen können; eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann habe ich bereits. Vielleicht liegt es auch daran, dass mich das Uni-Leben nicht so stresst: Ich habe ein paar Jahre gearbeitet und stand dort auch unter Druck.

Froh bin ich, dass ich an einer Fachhochschule und nicht an einer Universität bin – nach allem, was man hört, sind die Studienbedingungen dort schlechter. Bei uns muss man sagen: Es ist viel Arbeit, aber die Betreuung ist auch gut. In den allermeisten Veranstaltungen lerne ich wirklich etwas. Deswegen stört es mich auch nicht so, dass man in der Auswahl nicht viel Freiraum hat. Der Bachelor soll für mich auch nicht der letzte Abschluss bleiben – ich habe fest vor, auch noch den Master zu machen.

Wenn ich drei Wünsche frei hätte, wären das: mehr BAföG für Studierende, die es nötig haben – dann könnten wir uns besser auf unser Studium konzentrieren. Auch ein flexiblerer Kursplan wäre gut: manche Veranstaltungen werden zum Beispiel nur alle zwei Semester angeboten. Das erschwert einem die Planung und Koordination. Drittens würde ich mir wünschen, dass es mehr Bücher in der Bibliothek gibt.