GLOBAL CAMPUS
 
 


Ab ins Ausland


Fremde Kulturen, andere Sprachen und neue Freunde kennenlernen das alles kann euch ein Auslandsaufenthalt während des Studiums bieten. Doch was noch weitaus wichtiger ist und euer Leben grundlegend prägen wird: Ihr könnt eure eigenen Grenzen überwinden lernen und gegenüber anderen Menschen und Kulturen offener und toleranter werden. Von Andreas Becker

DAS STUDIUM ist eine Phase im Leben, die einem viele neue Wege und die verschiedensten Möglichkeiten offenbart. Es ist die Chance, Dinge auszuprobieren und sich selbst neu kennenzulernen. Ein Auslandssemester ist dabei auf jeden Fall ein Gewinn. Es bereichert nicht nur die Persönlichkeit, sondern es ist auch die Chance, fremde Kulturen zu erforschen, neue Sprachen zu lernen und Freundschaften fürs Leben zu schließen.

         
 

Tanja Dückers (siehe rechts) ist eine begeisterte Anhängerin von Auslandsaufenthalten. Die mit vielen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin verbrachte bereits als Schülerin ein Austauschjahr in den USA und ging während ihres Kunstgeschichte-Studiums an der Freien Universität Berlin mit einem Erasmus-Stipendium nach Amsterdam. „Die Zeit im Ausland war für meine Persönlichkeit absolut prägend. Ich habe auch an Selbstbewusstsein gewonnen, weil ich feststellte, dass man auch als junger Mensch im Ausland allein zurechtkommt“, erinnert sie sich an ihre ersten Male im Ausland. Doch es sind noch viele andere Dinge, die Tanja Dückers in guter Erinnerung behalten hat. „Es war spannend, eine andere Universität, neue Leute und zusätzlich eine neue Sprache kennenzulernen. Wer heute eine zusätzliche Sprache sprechen kann, ist klar im Vorteil. Es ist eine super Zusatzqualifikation.“ Der Aufenthalt im Ausland hat der damaligen Studentin zudem gezeigt, wie Lehre funktionieren kann. Kleinere Seminare, bessere Ausstattungen, da kam schon die Frage auf, „warum Lernen nicht immer so sein kann“.

Inzwischen ist die Erzählerin und Lyrikerin zu einer richtigen Globetrotterin geworden. Ihrem ersten Auslandsstipendium sind zahlreiche andere gefolgt: Barcelona, Los Angeles, Pennsylvania, Prag, Gotland, Krakau und Bristol lauten die Orte, an denen die Autorin einen tieferen Einblick in Land und Leute gewinnen konnte.

 

Überzeugte Weltenbummlerin:
Schriftstellerin Tanja Dückers, unlängst in die Liste der 500 wichtigsten Deutschen aufgenommen, studierte mit einem ERASMUS-Stipendium in Amsterdam.

    GUTE PLANUNG ERHÖHT DEN NUTZEN

Einen Teil des Studiums im Ausland zu verbringen, ist auf jeden Fall auch mit Blick auf die berufliche Karriere von Vorteil. Fremdsprachenkenntnisse und Auslandserfahrungen sind inzwischen oftmals Voraussetzung bei einer Bewerbung um einen Job geworden. „Gerade in einem internationalen Unternehmen ist es in vielen Positionen unerlässlich, sich auf Englisch verständigen zu können. Deshalb achten wir bei der Auswertung von Bewerbungen besonders darauf, ob angegebene zusätzliche Sprachqualifikationen belegt sind. Ein Auslandsaufenthalt kann solche Angaben nur untermauern“, bestätigt Robert Becker. Er arbeitet in der Personalabteilung eines großen amerikanischen Einzelhändlers.

EINE AKTUELLE UMFRAGE des Personaldienstleisters jobs in time belegt diese Einschätzung. Demnach legen quer Beet durch alle Branchen Arbeitgeber bei der Einstellung von Hochschulabsolventen großen Wert auf Fremdsprachenkenntnisse: Bei 76 Prozent der Absolventenstellen im verarbeitenden Gewerbe sowie bei den Dienstleistern und bei zwei Drittel der Handelsunternehmen sind sie Voraussetzung für eine Einstellung.

Eine weitere, eng daran gekoppelte Qualifikation, die Arbeitgeber vom Nachwuchs erwarten, sind interkulturelle Kompetenzen. Darunter fällt an erster Stelle die Fähigkeit, mit Menschen aus völlig verschiedenen Kulturen konstruktiv und erfolgreich zusammenzuarbeiten. „Während eines Auslandsstudiums lernt man andere Sichtweisen und Arbeitsmethoden kennen, akzeptieren und schätzen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um in einem internationalen Berufsumfeld erfolgreich zu sein“, sagt Dr. Juliane Kronen, Direktorin der Unternehmensberatung The Boston Consulting Group in Köln . Diese Einschätzung kann Prof. Dieter Leonhard, Präsident der Deutsch- Französischen Hochschule nur teilen. Als Student in Frankreich lernte der Deutsche die Idee der französischen Elitehochschulen – der Grande Écoles – kennen und verstehen.
 

DEN RICHTIGEN ZEITPUNKT FESTLEGEN
Bei der Entscheidung für oder gegen einen Auslandsaufenthalt sollte jeder Student eine Reihe von Punkten beachten und abwägen. Die erste Frage, die zu klären ist: Welches ist der ideale Zeitpunkt für den Sprung ins Ausland? Die Wahl des Zeitpunktes liegt bei jedem selber: gleich zu Beginn des Studiums, nach der Zwischenprüfung oder kurz vor dem Abschluss – alles ist möglich. Optimal ist es allerdings, die Auszeit nach dem Grundstudium zu nehmen – das rät der Großteil der Hochschulen. Hat man für sich den Zeitpunkt gewählt, am besten in Zusammenarbeit mit dem Auslandsamt der jeweiligen Hochschule, sollte man sich überlegen wohin es gehen soll. Die Welt steht einem zwar offen. Es geht aber nicht darum, den attraktivsten Partyort auszuwählen, das Land mit den tollsten Einkaufsmöglichkeiten zu finden oder den Kontinent mit den schönsten Stränden zu suchen.

DIE EIGENE MOTIVATION ABKLÄREN
„Der Student sollte überlegen, welches Land ihn wirklich interessiert, welche Sprache er lernen will und welche Motivation ihn ins Ausland treibt.“ Dieser Meinung ist Anika Stoever. Sie ist Mitarbeiterin im Akademischen Auslandsamt (AAA) der Freien Universität Berlin und war vorher selber im Rahmen ihres Nordamerika-Studiums ein Jahr in Kanada. Aus ihren eigenen Erfahrungen weiß sie daher: „Je länger man in einem Land lebt, desto mehr taucht man in dessen Kultur ein. Ich würde jedem daher raten, mindestens für zwei Semester ins Ausland zu gehen.“

Aus diesem Grund hat sie während ihres Auslandssemesters auch bei einer Gastfamilie und nicht in einem Studentenwohnheim gelebt. „Für mich ist nicht der Sinn gewesen mit anderen europäischen Studierenden zusammenzuwohnen. Ich wollte meine Sprachkenntnisse intensivieren und die Gepflogenheiten der Kanadier kennenlernen.“

EINE TEURE, ABER GEWINNBRINGENDE INVESTITION

Bei der Entscheidung, wie lange der Auslandsaufenthalt werden soll, spielt die Frage nach der Finanzierung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Für Flugticket, Unterkunft, Studiengebühren und Krankenversicherung muss man eine Menge Geld einplanen – oft sogar mehr, als man es von Deutschland gewöhnt ist, wie Gabriele Höfling bei ihrem Studienaufenthalt in Cardiff erstaunt feststellen musste: „Die einzige Achillesferse – im Rückblick betrachtet:

 

Geübter
Grenzgänger

Prof. Dieter Leonhard bewegt sich schon qua seines Amtes gekonnt in zwei Kulturen. Als Präsident der Deutsch-Französischen Hochschule ist er für den Erfolg von derzeit über 140 binationalen Studiengängen zuständig. Die Weichen für dieses Amt legte er bereits während seines Studiums: Nach seinem Vordiplom (Bauingenieurwesen) wechselte er mit einem Stipendium der französischen Regierung und des DAAD für ein Jahr an eine Grande Ecole im französischen Grenoble. Seine Erinnerung an diese Zeit:

„Eine tolle Zeit, in der ich viel gelernt habe, gerade durch die Unterschiede. Von meiner deutschen Universität war ich große Selbstständigkeit, aber auch Massenbetrieb gewohnt. In Frankreich habe ich die kleinen, leistungsstarken Studentengruppen einer École d’Ingénieur schätzen gelernt.“

  Studierende sollten überlegen, welches Land sie wirklich interessiert, welche Sprache sie lernen wollen und welche Motivation sie ins Ausland treibt.  

Der Aufenthalt ist ganz schön ins Geld gegangen und dies nicht nur wegen des Vergnügens. Insgesamt gesehen sind die Lebenshaltungskosten in Großbritannien weitaus höher als zu Hause. Mindestens 7 500 British Pound (GBP) (1 GBP = 1,48 EUR), besser noch 8 500 GBP, sollte man für ein Studienjahr einrechnen. Die monatlich 100 Euro aus dem ERASMUS-Stipendium sind ein schönes Zubrot, mehr aber auch nicht.“

FRÜHZEITIG NACH STIPENDIEN ERKUNDIGEN
Wie hoch die Kosten wirklich sind, das hängt vom Land ab und dann auch noch von der jeweiligen Region. So belaufen sich zum Beispiel die Studiengebühren in Spanien auf 500 bis 800 Euro pro Studienjahr, während in den USA das Durchschnittsspektrum für Studiengebühren bei etwa 12 000 bis 16 000 US-Dollar liegt. Hinzu kommen monatliche Lebenshaltungskosten, die in den USA bei etwa 1 000 US-Dollar, in Spanien bei rund 750 Euro liegen können. Eine gute Infoquelle zu Studiengebühren und Lebenshaltungskosten in einzelnen Ländern bieten die Länderinformationen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) – im Internet abrufbar unter: www.daad.de/ausland/index.de.html.

Wer nicht auf finanzielle Hilfe von zu Hause hoffen kann, der sollte sich frühzeitig (mindestens ein Jahr vor dem geplanten Auslandstripp) nach einem Stipendium umschauen. Erste Adresse ist hier der DAAD, die weltweit größte Austauschorganisation. Er fördert Studenten im Grund- oder Hauptstudium ebenso wie Master-Studierende oder Doktoranden. Um ein Stipendium zu bekommen, müssen sich Bewerber in einem Bewerbungsverfahren behaupten.

 

In die Entscheidung für oder gegen ein Stipendium gehen sowohl Fachkenntnisse als auch Persönlichkeit ein. Im Jahr 2006 vergab der DAAD 42 700 Stipendien an Studierende und Graduierte. Darunter machten Jahres- und Semesterstipendiaten mit fast 12 400 Personen den größten Anteil aus. Zu den beliebtesten Zielländern zählen nach wie vor Großbritannien und die USA. Doch auch immer mehr Studierende zieht es in exotischere Gefilde wie Australien, Neuseeland und China. Die Personalchefs sehen das gern, denn sie brauchen Young Professionals mit ausgewiesenen interkulturellen Kompetenzen, die auch bei fernöstlichen Geschäfts- und Kooperationspartnern standhalten.

Wer im europäischen Ausland bleiben will, hat es mithilfe des ERASMUS-Stipendiums (siehe Erfahrungsbericht) etwas leichter. Dies ist ein Programm der Europäischen Kommission zur Förderung der Studierendenmobilität und Zusammenarbeit im Hochschulbereich innerhalb der Mitgliedsstaaten der EU. Das heißt: Die Fakultät oder das Institut, an dem der Reisewillige studiert, muss am ERASMUS-Programm teilnehmen und Kooperationen mit anderen Universitäten in Europa unterhalten. Die Bewerbungsmodalitäten für ein solches Stipendium sind recht unkompliziert. Das Stipendium deckt die Studiengebühren sowie ein kleines Taschengeld von 100 bis 200 Euro pro Monat. Im Hochschuljahr 2005/2006 konnten rund 23 848 Studierende aus Deutschland mit dem ERASMUS-Programm der EU in 30 anderen europäischen Ländern lernen.

AUCH DAS AUSLANDS-BAFÖG (www.das-neue-bafoeg.de) kann zur finanziellen Unterstützung beitragen. Im Unterschied zu den meisten anderen Finanzspritzen muss das Auslands-BAföG jedoch zur Hälfte zurückgezahlt werden. Nur die Zuschläge wie Reisekosten und Studiengebühren sind davon ausgenommen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, das Auslands-BAföG mit anderen Stipendien zu kombinieren.

GUTE ZEITPLANUNG ERLEICHTERT AUSLANDSTRIPP
Wen es über den großen Teich zieht, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der sollte sich bei der Fulbright-Kommission (www.fulbright.de) um ein Stipendium bewerben. Die Stipendien dienen der fachlichen Vertiefung und Ergänzung des Studiums an einer amerikanischen Hochschule und beinhalten Reisekosten und Studiengebühren sowie die Krankenversicherung und einen Zuschuss für Lebenshaltungskosten.

Dies ist aber nur eine kleine Auswahl an Hilfen. Das Wichtigste ist, sich früh genug umzuhören und über mögliche Geldgeber zu informieren. Die Zeitplanung und die Organisation sind die zwei wichtigsten Punkte vor einem Start ins Auslandsabenteuer. „Die Studenten sollten schon im ersten oder zweiten Semester zu uns kommen und sich über Bewerbungsfristen und Anforderungen informieren“, lautet der Tipp von Anika Stoever.

 

Selbsterfahrene
Ausländerin

„Mein Stipendium hat mich gezwungen, mir an einem fremden Ort ein vorübergehendes zu Hause zu schaffen, mich mit meinen Überzeugungen auseinan-derzusetzen, Land und Leute kennenzulernen, erstmalig selbst ,Ausländerin‘ zu sein. Ich habe gelernt, wie man fokussiert lernt, wie man hart studiert und entsprechend feiert. Während mei-ner weiteren Ausbildung und meinem beru.ichen Werdegang habe ich sehr von den in den USA erworbenen Kenntnissen und Herangehensweisen profitiert. Außer Sprachkenntnissen, menschlichen Begegnungen und der Erfahrung, dass man sich dem eigenen Fachgebiet aus ganz anderer Perspektive nähern kann, ist die wichtigste Erfahrung aller Austauschprogramme: Sie zwingen einen dazu, die Welt differenzierter zu betrachten. Fortan ist es nicht mehr möglich, nur noch die eigene Sichtweise auf die Dinge gelten zu lassen. Sich täglich auf neue Menschen und neue Erfahrungen einzulassen und sich im internationalen Umfeld wohlzufühlen, ist auch Grundvoraussetzung, um in der heutigen Berufswelt erfolgreich zu sein.“

Dr. Juliane Kronen, Partnerin und Direktorin der Unternehmensberatung The Boston Consulting Group in Köln. Die Managerin studierte mit einem Fulbright-Stipendium ein Jahr lang an der University of Missouri, Columbia.